Wo finde ich jetzt die Telefonnummer von Dr. Hollstein? Grübelnd blickte sich Paul im Erdgeschoß um. Dort drüben, dachte er. Im Informationsbüro, wo sonst? Dazu sind schließlich Informationsbüros da.
Paul öffnete die Tür. „Guten Tag, sagen Sie bitte …“
„Herzlich willkommen im Informationsbüro. Bitte nehmen Sie Platz.“ Es war niemand im Raum – die Stimme schien aus dem Nichts zu kommen.
„Danke, ich …“
„Unser vollautomatisches und benutzerfreundliches Abfragesystem wird Sie mit allen Informationen über unsere Einrichtung versorgen. Bitte nehmen Sie im Sessel A Platz. Vielen Dank für Ihr Interesse.“
Paul blickte sich um. Sessel A erwies sich als eine Art gepolsterter Kinostuhl mit mehreren Knöpfen in den Armlehnen. Leicht widerstrebend nahm er Platz.
„Ich brauche die Telefonnummer von Herrn Dr. Franz Hollstein, bitte“, sagte er laut.
„Bitte setzen Sie nun Ihre 3D-Brille auf. Vielen Dank für Ihr Interesse.“
„Tut mir leid, ich habe keine dabei. Ich brauche aber wirklich nur die Telefonnummer von Herrn …“
„Dieses Informationssystem ist dafür optimiert, maximale Benutzerfreundlichkeit mit einer zeitgemäßen und attraktiven Präsentation unserer Services zu kombinieren. Um diesen Service zu nutzen, benötigen Sie eine 3D-Brille. Vielen Dank für Ihr Interesse.“
Eine Stunde später kehrte Paul mit einer Brille aus Pappe zurück. Sie wies zwei verschiedenfarbige Folien vor den Augen auf und hatte mal irgendeiner Zeitschrift beigelegen. Wie gut, daß ich nichts wegwerfen kann, dachte Paul.
„Herzlich willkommen im Informationsbüro. Bitte nehmen Sie Platz.“
Paul setzte sich die Pappbrille auf. Plötzlich wurde es dunkel im Raum, und Paul zuckte heftig zusammen, als bombastische Streicherklänge aus unsichtbaren Lautsprechern erklangen. Einen Moment später flackerte etwas vor seinen Augen, verschwommen, verwackelt, doch er war in der Lage zu erkennen daß es sich offenbar um eine dreidimensionale Version des Firmenlogos handelte, das, um sich selbst rotierend, aus einem Sternenhimmel herab auf den Betrachter zuraste. Paul dankte allen Mächten der digitalen Technik, daß die 3D-Brille offenbar nicht funktionierte wie vorgesehen. Mit seinen Nerven stand es in der letzten Zeit ohnehin nicht zum besten.
„Seit vier Jahren gehören wir zu den führenden Anbietern integrierter Lösungen im Bereich des …“ Paul nahm die Pappbrille ab. Das half nicht viel, die bunten Folien dämpften zumindest einen Teil des grellen Flackerns. Er schloß kurz die Augen und rieb sich die Schläfen.
„… sowie eine konsequente Leistungsorientierung gehören seit jeher zu unseren …“ Vielleicht, überlegte Paul, war das ganze doch keine gute Idee gewesen. Und außerdem wußte er gar nichts über diesen Herrn Dr., wie war doch gleich sein Name?
„… maßgeschneidert für unsere Kunden!“
Hollstein, natürlich, Franz Hollstein. „Hallo?“ krächzte er.
„Bitte wählen Sie nun den Bereich, über den Sie weitere Informationen abrufen möchten.“ Paul blinzelte und versuchte etwas in der Projektion vor seinen Augen zu erkennen. Bunte Schilder umkreisten das strahlende Firmenlogo. Ihm wurde schwindlig. Auf den Schildern standen Wörter wie Services, Best Practice, Information Consulting, Business Solutions und Customer Relations.
„Hilfe“, ächzte Paul. „Ich suche …“
„Sie haben die Hilfefunktion aktiviert. Bitte benutzen Sie die in Ihren Sessel integrierte Steuerung, um im Informationssystem zu navigieren.“
Paul tastete nach einem Hebel. Eine schwebende Hand erschien in der Projektion. Immer wenn die Hand eins der kreisenden Schilder berührte, schwebte dies nach vorne. Leider gelang es Paul nicht, die Hand zu steuern. Außerdem konnte er vorn und hinten nicht unterscheiden. Durch reinen Zufall gelang es ihm schließlich, den Bereich "Customer Relations" zu aktivieren. Hier mußte es doch sein, irgendwo mußten hier die Telefonnummern sein. Aber wo? „Hallo? Hallo, Hilfe! Ich möchte …“
„Sie haben die Hilfefunktion aktiviert. Bitte benutzen Sie …“
„Ich möchte ein Frage stellen bitte!“
Irgendetwas piepte. Die Projektion flackerte.
„Bitte warten Sie. Sie werden mit der interaktiven Konsole verbunden.“
„Hallo? Hallo?“
Wieder ein Piepen.
„Es wurde festgestellt, daß Ihre 3D-Brille nicht den notwendigen Spezifikationen genügt. Bitte verwenden Sie eine 3D-Brille, die Shutter-Technologie unterstützt.“
Paul keuchte.
„Vielen Dank für Ihr Interesse.“
-- Arnd Fricke, 2005
Aktualisiert: 05.08.2008 02.06:39
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